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Das Tagebuch der blauen Dogge Atlantis
Juli 2002
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4.7.2002:
Gestern Abend Gewitter, endlich etwas Abkühlung. Heute regnet es in
Strömen.
Das wollen wir ausnutzen. Wir machen uns ganz früh am Morgen, noch
in der Dämmerung, zu einem langen Spaziergang auf den Weg. Tut das
gut. Die Luft ist frisch, voll angenehmer Gerüche, würzig, dringt
tief in die Lunge ein. Der Regen prasselt auf die Pelerine, wird vom
Wind in das Gesicht getrieben, ist Labsal nach den vergangenen
heißen Tagen.
Atlantis ist triefend nass, schüttelt sich immer wieder, doch es
macht ihr Spaß. Endlich kann sie wieder bei kühlen Temperaturen
herumtoben, und sie nutzt es aus. Im Wald jagt sie die steilen
Abhänge hinab, kommt wieder hoch, springt mich an, ist wieder weg.
Es ist kaum zu glauben, wie sie sich freuen kann. Dabei ist es noch
dunkel, im Wald ist kaum etwas zu sehen.
Wir
steigen den Berg hoch, kommen auf die die freien Wiesenflächen.
Heute ist es wohl nichts mit einer Rast am Waldrand. Der Wind treibt
den Regen in grauen Fronten daher, direkt auf uns zu. Doch ich bin
gut angezogen, genieße dieses Wetter. Die Poren der Haut im Gesicht
öffnen sich weit, nehmen die Regentropfen auf, es tut unendlich gut.
Gestern ist es mir gesundheitlich wieder gar nicht gut gegangen,
auch heute früh noch nicht, doch jetzt. Alles ist wie weggeblasen,
ich kann tief Luft holen, fühle mich unendlich wohl.
Langsam
streifen wir über abgeerntete Wiesen, vorbei an Kornfeldern,
Maisfeldern, Atlantis immer auf Suche, ob sich nicht doch irgendwo
irgendetwas rührt. Doch heute sind keine Schmetterlinge, Mäuse und
sonstige "Todfeinde" von ihr zu sehen, denen ist es wohl zu nass.
Also hat sie alleine ihren Spaß, springt durch die Felder und über
die Wiesen. Ab und zu ist ein Reh zu sehen, Krähen, Möwen, Kiebitze,
doch ansonsten sind wir weit und breit alleine auf weiter Flur.
Über mir das dumpfe Dröhnen von Flugzeugtriebwerken. Unwillkürlich
schaue ich hoch, denke sofort an den fürchterlichen
Flugzeugzusammenstoß über dem Bodensee. An die vielen toten Kinder,
die voll Freude auf einen Urlaub in Spanien unterwegs waren und nie
dort ankommen durften. Hoffentlich haben sie zumindest nicht all
zuviel leiden müssen. Mein Mitgefühl gilt aber besonders deren
Angehörige, Mütter, Väter.
Ich muss aber auch an den Fernsehbericht von gestern Abend denken,
an die Kinder, die von herumliegender nuklear verseuchter Munition
fürchterlich entstellt sind, Schmerzen haben, ihr Leben lang leiden
müssen. Warum nur? Was können sie dafür? Und das alles im Namen der
Gerechtigkeit? Ich bin traurig, schäme mich fast dafür, wie gut es
uns hier geht.
Mein Mädchen bringt mich wieder auf andere Gedanken. Sie kann nicht
verstehen, dass Herrchen so still ist, in Gedanken versunken. Sie
stupst mich an, will spielen, na dann wollen wir doch!
Viel zu schnell vergeht die Zeit. Fast vier Stunden sind wir
unterwegs, ein herrlicher Vormittag war's!
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5.7.2002: Ich
werde früh wach, schaue zum Fenster hinaus. Der Himmel strahlt in
einem
zarten blau, keine Wolke ist zu sehen. Heraus aus dem Körbchen, mein
Fräulein, auf, auf, der Wald ruft! Das brauche ich Atlantis nicht
zwei Mal zu sagen.
Langsam gehen wir über die nasse Wiese Richtung Wald. Die Sonne ist
noch nicht zu sehen, ist aber als silberner Schein am Horizont zu
ahnen. Diese Stunde des Tages ist besonders schön für mich. Die
Natur bereitet sich auf einen neuen Tag vor; Blumen entfalten ihre
Blüten, Vögel plustern im Geäst ihre Federn auf, warten auf Wärme,
überall am Waldrand sieht man Rehe, Hasen, manchmal auch ein
Füchslein, der Tau glitzert auf Blättern und im Gras. Es ist
unendlich ruhig und friedlich.
Na ja, nicht jeder ist Frühaufsteher, doch - liebe Langschläfer -
einen Versuch wäre es ganz sicher einmal wert :-)).
Ich ziehe die Sandalen aus, gehe barfuss durch das nasse Gras, spüre
jeden Grashalm (auch jeden Stein), doch das soll ja gesund sein. Es
ist angenehm kühl, ganz still, unbeschreiblich schön. Heute ist
Ferienbeginn, Urlaubsantritt, Stau stehen, Stress, Hektik - ich
beneide keinen, für mich ist jeder Spaziergang mit Atlantis Urlaub.
Wir
steigen durch den Wald hoch, immer wieder kommen uns Nebelfetzen
entgegen. Die Sonne geht am gegenüberliegenden Horizont auf, wärmt
uns von hinten. Alles ist in weiches, silbriges Licht getaucht. Wer
den Waldspaziergang um diese Zeit mit offenen Augen macht, kann
jetzt unendlich viel sehen. Man darf nur nicht das Große suchen, das
Ferne, man muss sich einfach bücken, und man tritt ein in eine Welt
der Wunder.
Wie schön kann eine Hummel sein, die sich an den ersten
Sonnenstrahlen auf einem Blatt wärmt, wie viele Arten von bunten
Schmetterlingen gibt es, Tautropfen glitzern in 1000 Farben, die
schönen Weinbergschnecken, die sich jetzt auf nasse und dunkle
Plätze zurückziehen, Blüten in allen Farben und Formen, es ist
wirklich eine Welt voller Wunder.
Wir
kommen zum Rastplatz hoch über unserem Städtchen, legen uns in das
Gras und schauen in das Tal, in das jetzt Leben kommt. Die Sonne
wärmt schon kräftig, Atlantis sucht eine Wasserstelle auf, die ganz
in der Nähe ist. Ist schon erstaunlich, wie sicher sie jede
Trinkgelegenheit in der Umgebung findet. Doch dann drückt sie sich
wieder an mich, schaut noch ein wenig in das Tal und - was ist das
für ein Geräusch? Mein Mädchen schnarcht unverschämt laut, fast ein
Frevel in dieser Stille. Na soll sie, den Rehen und Hasen wird's
gefallen und mir soll es einerlei sein.
Und in der nächsten Zeit wird sie nicht viel Gelegenheit haben am
Waldrand zu schlafen. Ab Sonntag sind unsere Freunde aus Leipzig mit
ihrer gelben Dogge Brian zu Besuch bei uns. Und da hat Atlantis
natürlich Anderes zu tun, als zu schlafen, ich kenne ja mein
Mädchen.
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12.07.2002:
Ein trauriger Tag für Atlantis samt Familie. Mein geliebter Mann
Heinz schließt heute um 18.15 Uhr für immer die Augen und wandert
über die Regenbogenbrücke zu seinem Nero. Ich habe einen wunderbaren
Menschen verloren, der immer in meinem Herzen einen besonderen Platz
einnehmen wird.
Für alle Tagebuchleser möchte ich auf diesem Wege die letzte
Eintragung meines Mannes, welche ich nach seinem Tode skizziert auf
einem Zettel neben dem PC gefunden habe, veröffentlichen. Sie
soll Euch, liebe Freunde, immer in Erinnerung bleiben. Es fällt mit
immer noch nicht leicht, darüber zu schreiben, aber ich bin es
seinen Freunden schuldig.
An einem Julitag im Jahr 2002:
"Denke an unvergessenen Nero, der immer noch allgegenwärtig
ist. Alles Unangenehme fällt ab - Ärger, Stress, Traurigkeit,
Kummer. Tiefe Ruhe und Ausgeglichenheit kommt in mir auf und die
Zeit, über vieles nachzudenken.
Liege im Gras - gegenüber Wurzelstock. Ist das der Eingang in die
Märchenwelt?
Schaut da nicht ein Zwerg heraus - eine Elfe?
Mir ist, als wäre ich in einer anderen Welt, schließe die Augen, bin
einfach wieder Kind, mit all seinen Träumen und Sehnsüchten. In
einer Welt, wie sie eigentlich sein sollte. Die Stille, die hier
lebendig ist, die gelassene Ruhe hier, alles ist körperlich zu
spüren - das Herz geht auf. Man muss sie nur suchen, dann findet man
sie.
Doch dann öffne ich die Augen, kehre in die Wirklichkeit zurück.
Krieg, Gewalt, Hektik, Unzufriedenheit, Wale werden wieder gemordet,
Tiere gequält, Kinder misshandelt.
Von unfähigen Politikern und Medien betrogen und belogen,
manipuliert und eingelullt - was ist aus der Menschheit geworden.
Kein Tier lässt sich do manipulieren wie der Mensch, kein Tier ist
aber auch so grausam und egoistisch.
Mit zunehmendem Alter bewegen mich diese Fragen immer mehr - und
doch - meine Enkelkinder zeigen mir immer wieder, dass noch Hoffnung
besteht, dass es vielleicht wieder einmal anders wird.
Und ich verstehe Atlantis, warum sie sich hier so wohl fühlt - ohne
Leine, ohne Halsband - einfach in Freiheit. Hier kann ich Hund sein,
hier bin ich frei - und auch ich fühle mich wohl hier, trotz all
meiner Gedanken.
Denn irgendwie hat dieses kleine Fleckchen rund um mich die große
Weltpolitik übersehen, die Zeit ist ein bisschen langsamer vergangen
- und das tut gut."
Auf Wiedersehen meine Freunde, mir geht es jetzt gut und ich werde
in Gedanken immer bei Euch sein.
Heinz
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